Fachkräftemangel: Hilfe im Wettbewerb um Talente

Fachkräftemangel: Hilfe im Wettbewerb um Talente

Die deutschen Life Sciences stehen vor einer paradoxen Lage. Technologisch ist die Branche so stark wie nie – mit mRNA, CRISPR, KI-gestützter Drug Discovery und neuen Biomanufacturing-Ansätzen. Doch genau diese Zukunftstechnologien stoßen an Grenzen, weil den Unternehmen die passenden Fachkräfte fehlen. Fachkräfteengpässe in Pharma, Biotech und Medizintechnik sind längst kein Randphänomen mehr, sondern ein strukturelles Hemmnis, das den Standort Deutschland spürbar bremst.

Kaum zu finden: hochqualifizierte Fachkräfte

Der Hays-Fachkräfte-Index Life Sciences zeigt: Die Nachfrage nach Life-Sciences-Spezialist:innen in Deutschland liegt deutlich über dem Durchschnitt – auch wenn die Dynamik seit 2022 etwas nachgelassen hat. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zur Pharmaindustrie unterstreicht, dass der Fachkräftemangel zunehmend als Hemmschuh für den Pharmastandort Deutschland wahrgenommen wird, insbesondere bei qualifizierten Tätigkeiten in der Produktion, in technischen und regulatorischen Berufen. Parallel dazu zeigt der IW-Fachkräftecheck Chemie 2025, dass 2024 in Berufen, die für die chemisch-pharmazeutische Industrie relevant sind, mehr als 71.000 offene Stellen nicht mit passend qualifizierten Bewerbern besetzt werden konnten.

Nicht nur in Deutschland fehlen Fachkräfte in den Life Sciences. Hays Europe Life Sciences Talent Report 2024 zeigt, dass über 50 % der befragten Unternehmen in Europa Schwierigkeiten haben, qualifizierte Arbeitskräfte in Biotechnologie, Pharma und Medizintechnik zu finden. Europaweit nennen Life-Science-Unternehmen den Fachkräftemangel als ihre größte Geschäftsherausforderung, obwohl Europa mit rund 1,87 Millionen Beschäftigten im Sektor eines der wichtigsten Ökosysteme der Welt ist.

Mangel in den Ballungsräumen

Beim Fachkräftemangel stellen die Ballungsräume die eigentlichen Brennpunkte dar. In den Städten und Metropolregionen stehen Unternehmen und Forschungseinrichtungen in einem extremen Wettbewerb um Talente – und damit um die Zukunft ihrer Innovationsökosysteme. In den großen Life-Science-Clustern wie beispielsweise Life Science Nord suchen Unternehmen mehrere Tausend qualifizierte Kräfte, die sich auf dem Arbeitsmarkt nicht finden lassen. Im Wettlauf um die Talente geraten besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU) unter Druck.

Auch im Life Science Nord‑Cluster steht das Thema Fachkräftesicherung ganz oben auf der Agenda. Mit dem neuen Projekt TALENTready wollen sechs Hamburger Clusterorganisationen – darunter Life Science Nord – Unternehmen bei der Gewinnung und Bindung von Fachkräften gezielt unterstützen, vor allem mit digitalen Lösungen. LSN‑Projektmanagerin Marina Holstein und HR‑Expertin Julia Brilling arbeiten am Projekt mit und kennen die Herausforderungen der Betriebe aus erster Hand. Wir haben mit den beiden über Wege und Hürden bei der Fachkräftesuche gesprochen.

Sie kennen die Hürden bei der Fachkräftegewinnung: Marina Holstein, Manager Talent & Cluster Projects, und Julia Brilling, Community Manager
Quelle: LSN

Interview

Was unterscheidet den Fachkräftemangel in den Life Sciences von dem in anderen Branchen? Wo sehen Sie die speziellen Herausforderungen?

Marina Holstein: Unternehmen im Life-Science-Bereich müssen eine oft komplexe und erklärungsbedürftige Tätigkeit und das dazu gehörende Branchenfeld in zielgruppenspezifische Kommunikation umwandeln. Das ist vor allem dann schwierig, wenn sich das Produktportfolio an B2B-Kunden in der Life-Science-Branche richtet. Auch bei der Sichtbarkeit der Unternehmen als Arbeitgeber gibt es Ausbaupotenzial.

Aufgrund knapper interner Ressourcen können strategische Kommunikationsmaßnahmen zum Teil nicht durchgeführt werden.

Es ist schwierig, in einzelnen Berufsbildern wie dem der technischen Assistenz Nachwuchskräfte zu finden. In einigen Ausbildungsberufen gibt es einen grundlegenden Mangel an Nachwuchskräften. Auch bei gewerblichen Berufen (Produktion, Logistik, Techniker) ist der Fachkräftemangel zu spüren, zumal unsere Unternehmen hier zusätzlich mit anderen Branchen in Konkurrenz stehen. 

Vor allem in KMU fehlt eine strategische Einbettung digitaler Tools im Rahmen der kompletten Prozessarchitektur im Unternehmen – nicht nur in den Life Sciences.

Marina Holstein

Mit welchen speziellen Angeboten unterstützt Life Science Nord seine Mitglieder im Bereich der Fachkräfteakquirierung und -bindung?

Julia Brilling: Erwähnenswert ist der Arbeitskreis Organisationsentwicklung, der sich im Laufe der vergangenen Jahre immer stärker mit dem Fachkräfte-Thema beschäftigt hat und nun in die Peer Group für leitende Personalverantwortliche übergegangen ist. Die Mitglieder treffen sich quartalsweise, um aktuelle HR-Thematiken zu diskutieren und sich dazu auszutauschen.

Peer Group für leitende Personalverantwortliche

Die Peer Group ist ein Austauschformat für leitende Personaler:innen der Life-Science-Branche. Die Teilnehmer treffen sich quartalsweise, um aktuelle HR-Thematiken zu diskutieren und Maßnahmen zu entwickeln, die durch LSN und das Netzwerk unterstützt werden.

Zu den identifizierten Themen und bereits erfolgten Maßnahmen gehörten unter anderem:

  • Info-Event zum Thema Zugang zu ausländischen Fachkräften
  • Überblick über die Anforderungen und Chancen der Entgelttransparenzrichtlinie, mit Fokus auf die Besonderheiten der Branche.
  • Impulsvorträge zu den Themen Active Sourcing und Employer Branding
  • Direkter Erfahrungsaustausch innerhalb der Peer Group zu diversen Themen, wie zum Beispiel Recruiting-Maßnahmen, Erfahrungen mit Sprachkursen und entsprechenden Apps

Perspektivisch sollen noch Themen wie Führungskräfteentwicklung, Performance- und Energie-Management sowie der Einsatz von KI im HR-Bereich adressiert werden. Julia Brilling ist für die Koordination bei Life Science Nord zuständig.

Auch die Zusammenarbeit mit Hochschulen und unsere Sichtbarkeit dort wollen wir vertiefen, beispielsweise durch die Teilnahme an der Molecular Life Science Conference der Uni Hamburg oder an der Studierendentagung der Hochschulen am Standort. Auf der T5 Jobmesse waren wir mit einem eigenen Stand vertreten. Damit wollen wir die Zielgruppe der Studierenden erreichen und Karrieremöglichkeiten, Abschlussarbeiten und Praktika aufzeigen. Dafür nutzen wir die LSN-Mitgliederdatenbank und unsere Jobbörse.

Gibt es Aktivitäten, die sich ganz konkret an junge Menschen wenden?

Julia Brilling: Künftig möchten wir Kooperationen mit anderen Netzwerken noch stärker nutzen, die Zielgruppen adressieren, zum Beispiel Schüler:innen, die LSN bislang nicht oder nur punktuell im Fokus hatte.

Die Studierendentagung richtet sich an Studierende und Promovierende aus den Life Sciences – und das hochschulübergreifend.
Quelle: LSN

Jobbörse

Die Life-Science-Jobbörse “LSN JOBS” informiert über aktuelle Stellenangebote und Praktika von Unternehmen sowie akademischen Einrichtungen aus den Branchen Biotechnologie, Pharmazie, Digital Health, Medizin und Medizintechnik in Hamburg und Schleswig-Holstein.

Zur Jobbörse

In unserer Jobbörse kann jedes Mitglied zahlenmäßig unbegrenzt offene Stellen hochladen. Premium-LSN-Mitglieder können ihre Stellen auch über unseren Newsletter vermarkten. Dadurch erreichen sie eine noch höhere Reichweite.

Die LSN-Jobbörse ist die meistgeklickte Seite auf unserer Webseite.

Julia Brilling

Neben all diesen Maßnahmen gibt es das neue Projekt TALENTready, gestartet im Herbst 2025, gemeinsam mit anderen Clustern – also nicht (nur) auf Life Sciences fokussiert. Wie bringen Sie Ihre spezielle Kompetenz ein?

Marina Holstein: LSN ist hauptsächlich für die Umsetzungsformate wie Workshops, Design Workshops, Arbeitskreise, Netzwerkveranstaltungen innerhalb des Projekts, Webinar und Infoveranstaltungen verantwortlich.

Zudem ist LSN Co-Lead in der Projektkommunikation und unterstützt hierbei das Cluster Hamburg Aviation. Das Event-Team von LSN bringt breite Veranstaltungsexpertise in der Vorbereitung und Umsetzung der Event-Formate mit, die für TALENTready geplant sind.

TALENTready

Im Projekt TALENTready bündeln sechs Hamburger Clusterorganisationen ihre Expertise. Gemeinsam mit den Unternehmen, die auf der Suche nach Fachkräften sind, sollen in den drei Jahren Projektlaufzeit praxisnahe, zukunftsfähige Lösungen entwickelt werden. TALENTready setzt dafür auf datenbasierte, digitale und KI-gestützte Ansätze. zur Personalgewinnung, -entwicklung und -bindung.

Das Projekt wird durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sowie die Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation gefördert und von folgenden Hamburger Clustern getragen:

  • Erneuerbare Energien Hamburg
  • Food Cluster Hamburg
  • Hamburg Aviation
  • Life Science Nord
  • Logistik-Initiative Hamburg
  • Maritimes Cluster Norddeutschland

Das Projekt startete im November 2025 und läuft bis Ende Oktober 2028.

Mehr zu TALENTready

Das Projekt steht noch am Anfang, es läuft bis 2028. Müssen die Firmen warten, bis sie von den Ergebnissen profitieren können, oder ist das auch vor Projektabschluss möglich? 

Marina Holstein: Das Projekt lebt vom Unternehmensaustausch und der Unternehmensbeteiligung. Beides findet von Anfang bis Ende der Projektlaufzeit statt. 

Zwar richtet sich das Projekt vornehmlich an KMU, aber es können alle Interessierten partizipieren und vor allem von den Ergebnissen profitieren – auch große Unternehmen oder Forschungseinrichtungen.

Gibt es im laufenden Projekt einen parallelen, praxisbezogenen Austausch mit Unternehmen? Wie sieht der aus? 

Marina Holstein: Um die konkreten HR-Herausforderungen von KMU aus den beteiligten Clustern zu identifizieren, finden Interviews und TALENTready-Arbeitskreise im Workshop-Format statt. Im Anschluss an den ersten Arbeitskreis sind Kreativworkshops geplant, die Lösungsansätze entwickeln. Im besten Falle übernehmen die Firmen diese nach Beendigung der Kreativphase. Außerdem planen wir ein Netzwerk-Event für den noch engeren thematischen Austausch.

Immer wieder ist von digitalen Lösungen die Rede. Welche digitalen HR-Tools können zur Lösung des Problems beitragen?

Marina Holstein: Grundsätzlich können HR-Tools, die prozessual gut angeknüpft sind und die Reduktion von operativem Aufwand ermöglichen, für KMU von Vorteil sein. Zudem sollte die Integration von KI-Lösungen, die Prozessschritte von knappen Humanressourcen in Unternehmen übernehmen können, künftig in Betracht gezogen werden. Welche das sein können, wird jedoch erst am Projektende beantwortet werden können. Ein Projektziel ist die Entwicklung einer digitalen HR-Toolbox.

Welche Tipps haben Sie für Unternehmen, bei denen der Fachkräftemangel jetzt akut ist?

Julia Brilling: Wir empfehlen die aktive Beteiligung am LSN-Netzwerk und an den TALENTready-Aktivitäten. Nutzen Sie unsere Jobbörse und unsere vielfältigen Angebote, um sich mit anderen auszutauschen und so von deren Erfahrung zu profitieren. Life Science Nord beteiligt sich an Kooperationen und Angeboten von Partnerorganisationen, wie zum Beispiel einem Berufsorientierungstag für SchülerInnen, organisiert vom Schülerforschungszentrum Hamburg und HCAT+. Abonnieren Sie unseren LSN-Newsletter, um über die Aktivitäten in unserer Region informiert zu bleiben und last but not least: Sprechen Sie uns an!

Für Mitarbeiter attraktiv bleiben

Wer zufriedene Mitarbeitende hat, spart sich Neubesetzungen.
Quelle: Unsplash+

Da sich Fachkräfte schwer gewinnen lassen, wird es umso wichtiger, die bestehenden Mitarbeiter:innen zu halten und ihnen ein Arbeitsumfeld zu bieten, in dem sie sich wohlfühlen. Um bestehende Fachkräfte langfristig zu halten, bietet sich eine ganze Bandbreite an Maßnahmen an. Dazu gehören gezielte Weiterbildungsangebote ebenso wie echte Entwicklungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens, sodass das Team sich fachlich und beruflich weiterentwickeln kann. Ein faires Gehalt, finanzielle Zuschüsse sowie Angebote zur Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten sind wichtige Bausteine, um die Work‑Life‑Balance zu stärken. Nicht zu unterschätzen sind zudem eine offene, transparente Kommunikation sowie eine wertschätzende, vertrauensvolle Zusammenarbeit. Gerade diese Faktoren bestimmen, ob aus Einzelnen ein Team wird, das langfristig erfolgreich und motiviert im Unternehmen zusammenarbeitet.

Text: Maren Kühr, Uta Mommert

Beitragsbild: Unsplash+

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