Gesundheit vernetzt: Der One-Health-Ansatz

Gesundheit vernetzt: Der One-Health-Ansatz

Im Mai 2026 wurde ein ganzes Kreuzfahrtschiff zur Quarantänestation, als mehrere Passagiere am Andes-Virus erkrankten, der einzigen Hantavirus-Spezies, bei der eine Übertragung von Mensch zu Mensch dokumentiert ist. Ein halbes Jahr zuvor starben zehntausende Kraniche an der Vogelgrippe, hunderttausende Tiere in Geflügelbetrieben mussten getötet werden. Schlagzeilen wie diese sind keine Seltenheit mehr. Sie verdeutlichen, wie eng die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt miteinander verknüpft ist. Genau das ist der Kerngedanke des One-Health-Ansatzes.

Fachleute warnen zunehmend: Pandemien sind keine seltenen Ausnahmeereignisse mehr. Klimawandel, Umweltzerstörung und Globalisierung begünstigen ihre Entstehung und Ausbreitung. Mehr als die Hälfte aller bekannten Infektionserreger haben ihren Ursprung im Tierreich, während Faktoren wie Feinstaubbelastung oder Extremwetter die Dynamik von Infektionen zusätzlich beeinflussen. Gefragt ist ein integrierter Ansatz, der Forschung, Klinik und Industrie zusammenbringt.

„Mit dem One-Health-Ansatz erkennen wir Krankheitsrisiken frühzeitig, weil wir Daten aus Humanmedizin, Tiermedizin und Umweltwissenschaften systematisch zusammenführen“, sagt Prof. Dr. med. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. „So können wir Erreger schneller aufspüren, ökologische Veränderungen rechtzeitig erkennen und gezielt gegensteuern. Gleichzeitig bringt der Ansatz Fachleute aus verschiedenen Disziplinen zusammen und macht Prävention und Krisenmanagement effizienter.“

Diagnostik: das Rückgrat des One-Health-Ansatzes

Basis der One-Health-Strategie ist die Diagnostik: Sie ermöglicht es, Infektionsgeschehen frühzeitig zu erkennen, Übertragungswege nachzuvollziehen und Ausbrüche gezielt einzudämmen. Entscheidend sind dabei innovative Technologien wie Multiplex- und Next-Generation-Sequenzierungsverfahren, mit denen sich mehrere Erreger gleichzeitig nachweisen und neue Varianten schnell identifizieren lassen. Ergänzt wird dies durch datengetriebene, KI-gestützte Analyse- und Vernetzungssysteme, die globale Diagnosedaten zusammenführen und Risiken in Echtzeit sichtbar machen.

Eine zentrale Rolle spielen zudem molekulare Point-of-Care-Testsysteme, die direkt vor Ort eingesetzt werden können und auch mit begrenzter Infrastruktur zuverlässige Ergebnisse liefern. Ergänzung findet das Ausbruchsmanagement durch ein kontinuierliches Überwachen etwa von und durch Abwasserproben. Gleichzeitig gewinnt der Umgang mit großen Datenmengen – von Test- und Sequenzierungsdaten bis hin zu Klima- und Mobilitätsdaten von Mensch und Tier – zunehmend an Bedeutung.

Der integrative Ansatz, die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt gemeinsam zu betrachten, ermöglicht beispielsweise die Entwicklung neuartiger, multi-spezies-fähiger Diagnostiklösungen, die klassische Grenzen zwischen Human-, Veterinär- und Umweltdiagnostik überwinden. Unternehmen könnten sich dadurch strategisch differenzieren, Zugang zu neuen Märkten gewinnen und ihre Reputation stärken, indem sie einen Beitrag zur globalen Gesundheitssicherheit leisten, erklärt Georg Eschenburg von Life Science Nord.

One-Health-Akteure im Norden

Neu- und Altbau des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM)
Quelle: BNITM

In der Region rund um Hamburg trifft exzellente Forschung in Virologie und Infektionsbiologie auf eine starke Gesundheitswirtschaft, die innovative Diagnostiksysteme entwickelt und rasch in die Praxis bringt. Forschungseinrichtungen wie das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, das Leibniz-Institut für Virologie, das Forschungszentrum Borstel und das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) – als Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit spezialisiert auf Prävention, Diagnose und Bekämpfung von Tierseuchen – bilden die Basis für einen vernetzten Gesundheitsschutz. Ganz dem One-Health-Ansatz verschrieben ist die Abteilung „Virale Zoonosen – One Health“ am Leibniz-Institut für Virologie (LIV). Sie untersucht, wie Influenza-A-Viren vom Tier auf den Menschen übergehen und welche Faktoren, etwa Schwangerschaft, Adipositas oder Geschlecht, schwere Krankheitsverläufe begünstigen. Ziel ist es, daraus neue Therapieansätze abzuleiten, auch für andere Atemwegsviren wie SARS-CoV-2 oder RSV.

Viele dieser Akteure engagieren sich zudem im bundesweiten Leibniz-Lab „Pandemic Preparedness“. Hier arbeiten 41 Institute auf eine pandemieresiliente Zukunft hin. Während etwa GEOMAR den Ozean als zentrale Komponente für die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt in den Fokus rückt, liefern das Max Planck Institut für Meteorologie und das Deutsche Klimarechenzentrum (DKRZ) Klimamodelle und Daten, mit denen sich umweltbedingte Gesundheits- und Infektionsrisiken analysieren und vorausschauende One-Health-Maßnahmen ableiten lassen. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, ökonomische Erkenntnis und Aspekte in den Kontext von Pandemien einzubringen, etwa durch die Analyse von Gesundheitsrisiken.

Norddeutschland vereint exzellente Forschungseinrichtungen mit einer starken regionalen Diagnostik- und Gesundheitsindustrie. Diese Kombination bietet ideale Voraussetzungen, um wissenschaftliche Erkenntnisse schnell in praktische Anwendungen zu überführen.

Prof. Dr. med. Jonas Schmidt-Chanasit,
Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM)

Aufbauend auf der Forschungslandschaft arbeiten Firmen daran mit, den One-Health-Ansatz voranzutreiben. Panadea Diagnostics etwa, ein BNITM-Spin-off aus Hamburg, entwickelt ELISA-Tests zum serologischen Nachweis von Antikörpern gegen WHO-Prioritätskrankheiten wie Lassa-, Marburg- und Ebolavirus – artenübergreifend für tropische und emergierende Infektionen. „Traditionelle Tests sind auf Mensch oder Tier beschränkt. Unsere Plattform ändert das“, erklärt CEO Yang Liu.

Mit ELISA Tests lassen sich Infektionen durch den Nachweis spezifischer Antikörper oder Antigene im Labor schnell und zuverlässig diagnostizieren.
Quelle: CDC auf Unsplash

Ähnlich positioniert sich die Lübecker EUROIMMUN Medizinische Labordiagnostika AG mit über 35 Jahren Expertise: Das Unternehmen bietet komplette Lösungen für die serologische Diagnostik inklusive Testkits, Geräten und Software für Pathogene wie Dengue- oder Zika-Virus. „Wir sind stolz darauf, Diagnostiklösungen für neu auftretende Infektionskrankheiten zu entwickeln und dabei einen intensiven wissenschaftlichen Austausch mit innovativen Partnern wie Panadea zu pflegen”, so Fabian Lindhorst, Leiter des Bereichs Infektionsserologie bei EUROIMMUN. „Gemeinsam schaffen wir so ein starkes Netzwerk, das Forschung, Technologien und Expertise vereint, um frühzeitig bestmögliche Lösungen für eine präzise Diagnostik zugänglich zu machen.“

altona Diagnostics aus Hamburg entwickelt und vertreibt PCR-basierte Tests zum Nachweis von Infektionserregern wie Viren, Bakterien, Pilzen und Parasiten. Ein Schwerpunkt liegt auf der schnellen Reaktion auf aktuelle Ausbrüche. So hat altona Diagnostics die Produktion seiner Filovirus-PCR-Testkits als direkte Reaktion auf den Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo und Uganda hochgefahren und brachte ein neues Real-Time-RT-PCR-Assay zum gezielten Nachweis von Bundibugyo-Virus-RNA auf den Markt. Auch für das aktuell kursierende Hantavirus sind PCR-Tests verfügbar. „Ausbrüche wie die aktuellen zeigen, dass frühe und zuverlässige PCR-Diagnostik essenziell ist, um Kontaktnachverfolgung und eine optimales Patientenmanagement umzusetzen. Sie muss zur globalen Gesundheitsinfrastruktur gehören, am besten, bevor der Notfall eintritt,“ so Geschäftsführer Hans Kuhn. „Auf diese Weise liefert altona Diagnostics einen wichtigen Beitrag zum One Health Ansatz.”

Über das Gesundheitswesen hinaus ist Norddeutschland stark in Logistik und Lieferketten vertreten. Verbunden mit der Biotech-Branche entstehen hier große Synergien.

Yang Liu, CEO, Panadea Diagnostics

Innovationen steuern: HIHeal next level

Um die Potenziale des One-Health-Ansatzes in der Region auszuschöpfen, hat Life Science Nord das Innovationsnetzwerk HiHeal ins Leben gerufen. Das Konsortium bringt Fachleute für Infektionskrankheiten und Hygiene aus dem gesamten Norden zusammen. Der Fokus liegt auf der Verknüpfung von Wissenschaft, Wirtschaft und Versorgung, um Forschungsergebnisse schneller in marktfähige Lösungen zu überführen. Besondere Innovationsfelder sind die Digitalisierung der Infektionsprävention – etwa durch KI, Sensorik und smarte Materialien –, molekulare und Point-of-Care-Diagnostik, antimikrobielle Oberflächen sowie nachhaltige Hygienetechnologien.

„Bei HIHeal sehen wir den Mehrwert in der interdisziplinären Zusammenarbeit über Fachgrenzen hinweg – von Wissenschaft und Klinik bis zur Industrie –, um Innovationen schneller in die Praxis zu bringen und Norddeutschland als führende Region für Infektionsprävention zu stärken“, betont Dr. Georg Eschenburg, Life ScienceNord-Repräsentant im Projekt.

HIHeal (Hygiene, Infection & Health) next level ist ein Innovationsnetzwerk von Life Science Nord und dem Arbeitsbereich Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Es bündelt Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Kliniken und Kostenträger, um neue Lösungen für Infektionsprävention, Kontrolle, Diagnostik und Therapieentwicklung zu unterstützen und die Innovationskraft Norddeutschlands zu stärken. Schwerpunkte liegen auf Themen wie „Grüne Hygiene“ und Nachhaltigkeit, antimikrobielle Materialien, Wasserhygiene, die Bedeutung von Antibiotikaresistenzen sowie digitalen Präventions- und Hygienetools.

Mehr Informationen unter https://www.lifesciencenord.de/en/activities/projects-networks/hiheal.html

Ob COVID-19-Pandemie oder antimikrobielle Resistenz, viele der akuten Probleme im Gesundheitswesen machen deutlich, dass eine strikte Trennung zwischen Mensch, Tier und Umwelt längst überholt ist. Der One-Health-Ansatz bietet eine konsequente Perspektive. In Norddeutschland trifft dieser Anspruch auf starke Forschung und Unternehmen, unterstützt durch Netzwerke wie HIHeal. Wenn aus dieser Kombination in den kommenden Jahren belastbare gemeinsame Datenstrukturen entstehen, kann die Region zum Modell für eine integrierte, präventive Gesundheitsversorgung in Europa werden.

Text: Uta Mommert
Beitragsbild: Unsplash+

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