Pharmaproduktion im Norden: Ein Überblick

Pharmaproduktion im Norden: Ein Überblick

Der Norden Deutschlands ist Standort namhafter und global agierender Arzneimittelhersteller. Wir stellen wichtige Cluster-Akteure vor, die in der Region Pharmazeutika produzieren. Ob Mittelständler oder multinationaler Konzern – einige zählen zu den Weltmarktführern in ihren Bereichen.

Der Norden Deutschlands, insbesondere Hamburg und Schleswig-Holstein, hat sich zu einem zunehmend attraktiven Standort für die Pharmaindustrie entwickelt. Dabei kann die Region mit mehreren Faktoren punkten. Zum einen profitieren die Firmen vor Ort von erstklassigen Universitäten und Forschungseinrichtungen, zum anderen spielt der innovative Mittelstand eine große Rolle. Manche Firmen sind in ihren Nischen marktführend, andere konzentrieren sich auf Produkte und Lösungen für die Grundversorgung. Nicht zuletzt sind einige weltweit agierende Konzerne in der Region ansässig und stärken so Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum.

Was haben die Nordfirmen zu bieten?

Divers und vielfältig

Biotechnologie und Tradition, Medizin und Kosmetik, neue Therapien und altbewährte Medikamente: Die Pharmazie im Norden ist divers. Von neurologischen Krankheiten wie Epilepsie über Rheumatologie bis hin zu Herpes oder Atemwegserkrankungen bedient es eine Bandbreite an pharmazeutischer Nachfrage. Auch die Inhaltsstoffe der Produkte sind vielfältig: Enzyme, Zinkoxid, Gelatine, Mikrobiome oder Säugetierzellkulturen.

Foto: © Nordmark Pharma GmbH

Auf letztere hat sich die Nordmark Pharma GmbH spezialisiert und stellt biologische Wirkstoffe durch Fermentation und mit speziellen Systemen her. Das in Uetersen ansässige Unternehmen produziert biopharmazeutische Wirkstoffe und Fertigarzneimittel aus tierischen Quellen – hauptsächlich aus dem Enzym Pankreatin. Zudem ist es der weltweit größte Hersteller von Kollagenase.

Aber auch an der Weiterentwicklung tierversuchsfreier Methoden für die Pharmaindustrie wird im Norden gearbeitet: Unter anderem bei der medac GmbH. Global – in 91 Ländern – und groß – mit 2.000 Mitarbeitenden – entwickelt sie Arzneimittel für die Bereiche Rheumatologie, Urologie, Hämatologie und Onkologie.

Foto: © Allergopharma GmbH & Co.KG

International und erfolgreich

Dass der Norden Deutschlands für die Pharmaproduktion interessanter wurde, ist auch daran zu sehen, dass laut Ministerpräsident Daniel Günther die größte Investition eines ausländischen Unternehmens in Schleswig-Holstein im Pharmaziebereich stattgefunden hat. In Bovenau, einem kleinen Ort unweit des Ost-Nordsee-Kanals, hat Richter BioLogics GmbH & Co. KG aus Hamburg eine neue Produktionsstätte für 100 Millionen Euro bauen lassen. Dessen Mutterkonzern Gedeon Richter sitzt in Budapest. Die Tochter Richter BioLogics verfügt über 35 Jahre Erfahrung in der Biopharmazie. Nun kann sie per mikrobieller Produktion in der hochmodernen Anlage proteinbasierte Wirkstoffe sowie Mittel auf Basis von Plasmid-DNA herstellen.

Die Nordfirmen sind also international  erfolgreich: Produktion in Deutschland, Vermarktung in die Welt. Die Allergopharma GmbH & Co. KG beispielsweise produziert und entwickelt Präparate zur Diagnose und Behandlung von allergischen Erkrankungen – und das vollständig in Reinbek. Die Produkte werden in Europa und Asien vertrieben. Indem das Reinbeker Unternehmen kontinuierlich in Forschung und Innovation investiert, entwickelt es neue therapeutische Ansätze, die zukünftig noch wirksamere und langfristigere Effekte haben. Damit ist Allergopharma ein bedeutender Akteur auf dem deutschen und internationalen Markt für Allergiebehandlung.

Nicht welt- aber ebenfalls europaweit präsent ist die Pharmaindustrie Norddeutschlands auch im Bereich der Erkrankungen des neuronalen Nervensystems wie Epilepsie oder Parkinson. Seit mehr als 100 Jahren konzentriert sich eins der ältesten Unternehmen im Cluster Life Science Nord auf dieses Fachgebiet. Desitin Arzneimittel GmbH in Hamburg engagiert sich für die Entwicklung von Therapien für seltene Erkrankungen und stellt Produktanwendungen für Hautirritationen sowie Wunden her.

Foto: © Desitin Arzneimittel GmbH

Von der Apotheke zur App

Die heutige Forschung und Entwicklung wären ohne die Digitalisierung undenkbar. Doch angefangen haben viele der Unternehmen noch zur analogen Zeit: Bereits im Jahr 1835 entwickelte beispielsweise die G. Pohl-Boskamp GmbH & Co. KG Gelatine-Kapseln in einer Apotheke. Heute hat sie zwei Standorte in Schleswig-Holstein und ist eines der führenden mittelständischen Unternehmen, wenn es um Atemwegserkrankungen geht. Mittlerweile exportiert Pohl-Boskamp jedes zweite Produkt ins Ausland und setzt auf digitale Gesundheitsanwendungen – wie eine App gegen Tinnitus. 

Auch im Einsatzbereich der Medikamente tut sich einiges: Die Firmen entwickeln immer innovativere Produkte, um sie für eine breitere praktische Anwendung anbieten zu können. Etwa bei Herpes: Wundgel mit antibakterieller und entzündungshemmender Wirkung dank tetrapodalem Zinkoxid (t-ZnO), entwickelt von der Phi-Stone AG aus Kiel. Der jüngste Akteur des Nord-Clusters hat sich 2017 auf den Pharmamarkt gewagt. Mittlerweile ist die Nachfrage so hoch, dass er seine Produktionsstätte derzeit weiter ausbaut – gefördert durch das Land Schleswig-Holstein.

Foto: © Phi-Stone AG

Was sagen die Pharmaproduzenten selbst?

Manche der Produzenten blicken auf eine lange Unternehmensgeschichte, andere sind erst ein paar Jahre jung. Wir haben gefragt, wie wohl sie sich im Norden fühlen und welche Vorteile der Standort hat:

Die Region

Einer der Hauptvorteile für viele der Unternehmen sind die Möglichkeiten, die sich aufgrund der Region bieten: „Sie verfügt über eine gute Forschungs- und Entwicklungslandschaft mit renommierten Hochschulen, Instituten und Netzwerken wie Life Science Nord, die Innovationen fördern,” sagt CEO Andreas Roth von der Phi-Stone AG. Zudem erleichtern die gut ausgebaute Infrastruktur und die Nähe zu internationalen Handelswegen Logistik und Export. So spielt etwa für Richter BioLogics der Hamburger Flughafen eine wichtige Rolle, da die Firma dadurch gut erreichbar ist und direkt an Transportwege angeschlossen.

Insgesamt sei der Norden Deutschlands stark auf Forschung und Entwicklung ausgerichtet – das sei für die Pharmaproduzenten entscheidend, um spezialisierte Wirkstoffe herzustellen.

Nicht zuletzt die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte sorgt dafür, dass sich Pharmaunternehmen langfristig erfolgreich ansiedeln.

Andreas Roth
CEO Phi-Stone AG

Politik und Vernetzung

Die nordischen Unternehmen sind sich einig: Ein großes Plus ist die starke Life-Science-Community. Damit einher geht das wirtschaftsfreundliche und -stabile Umfeld. Hamburg und Schleswig-Holstein bieten Förderprogramme für innovative Unternehmen der Pharmabranche. Neben der politischen Unterstützung gibt es auch Rückhalt aus den eigenen Reihen: „Die pharmazeutische Industrie in Norddeutschland wird durch eine enge Vernetzung der Unternehmen gestärkt, die einen intensiven Austausch untereinander fördert”, erzählt Philipp Bloching, CEO der Desitin Arzneimittel GmbH. Innerhalb der Branche werden Fachgremien und Workshops veranstaltet, um innovative Lösungen zu erarbeiten – auch behördliche Vertreter sind eingeladen: „Durch den offenen Austausch mit den Behörden und die Erleichterung von Genehmigungsprozessen ist es möglich, schneller auf neue Marktbedürfnisse zu reagieren“.

Ein Beispiel für die enge Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft ist Phi-Stone, eine Ausgründung der Christian-Albrechts-Universität Kiel. CEO Roth sagt: „Diese enge Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft ermöglicht uns einen direkten Zugang zu wissenschaftlichem Know-how in den Materialwissenschaften.” Auch Richter BioLogics pflegt enge Kooperationen mit Universitäten, wissenschaftlichen und schulischen Institutionen. „Somit erreichen und gewinnen wir gut ausgebildete Fachkräfte – das ist wichtig, um auch weiterhin erfolgreich im Markt zu wachsen,“ erzählt Geschäftsführer Kai Pohlmeyer. All das schafft optimale Bedingungen für die Herstellung von Pharmaprodukten.

Text: Lea Holzamer

Beitragsbild: Richter BioLogics GmbH & Co. KG

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